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24. April 2026·10 Min. Lesezeit·MedPrüf Editorial

Kenntnisprüfung Wien — vollständiges Handbuch 2026

Ein ehrliches Handbuch für Ärzt:innen mit ausländischem Diplom, die die österreichische Kenntnisprüfung vor sich haben. Keine Werbesprache, keine Versprechen ohne Deckung — nur die Regeln, Strukturen und Fallstricke, die wir selbst durchlaufen haben.

Was ist die Kenntnisprüfung eigentlich?

Die Kenntnisprüfung ist eine Ergänzungsprüfung, die ausländisch ausgebildete Ärzt:innen in Österreich ablegen müssen, um die ärztliche Approbation zu erhalten. Sie wird von der Ärztekammer Wien organisiert und besteht aus zwei großen Teilen, SIP 4 und SIP 5, die auch reguläre Studierende der Medizinischen Universität Wien als Teil des Diplomstudiums absolvieren — du legst also dieselbe Prüfung wie ein regulärer Absolvent ab, nur eben nachträglich und als Einzelleistung.

Die Prüfung ist kein Formalakt: Durchfallquoten über alle Jahrgänge liegen je nach Zyklus zwischen 20 und 40 Prozent, mit deutlicher Schwankung zwischen SIP 4 und SIP 5. Wer unvorbereitet antritt, weil „man doch einen Medizinabschluss hat”, verliert durchschnittlich 400 Euro pro Fehlversuch plus mehrere Monate Berufsausübungs-Verzögerung. Das ist keine Prüfung, die man „nebenbei” abhandelt.

Zulassung: der Weg über die Nostrifikation

Bevor du überhaupt zur Kenntnisprüfung antreten darfst, brauchst du eine abgeschlossene Nostrifikation deines ausländischen Medizindiploms. Das ist ein Verfahren der Medizinischen Universität Wien, das dein Diplom mit dem österreichischen Curriculum vergleicht. Am Ende steht ein Bescheid, der auflistet, welche Ergänzungsprüfungen du ablegen musst, um formal auf österreichisches Niveau „aufzufüllen”.

Was du für die Nostrifikation brauchst

  • Beglaubigtes Diplom mit Übersetzung (Gerichtsdolmetscher:in)
  • Vollständiges Studienzeugnis mit Fächern, Stunden, Noten — ebenfalls beglaubigt übersetzt
  • Nachweis von Deutschkenntnissen auf B2-Niveau (ÖIF, ÖSD oder vergleichbar)
  • Ggf. Aufenthaltsnachweis und Identifikationsdokumente
  • Verfahrensgebühr der MedUni Wien (Stand 2026: im dreistelligen Bereich pro Antrag; bitte immer aktuell prüfen)

Die reine Nostrifikationsbearbeitung dauert in der Regel sechs bis zwölf Monate. Plane diesen Zeitraum ein, bevor du überhaupt einen Lernplan für die Kenntnisprüfung baust — ohne den Bescheid kannst du dich nicht zur Prüfung anmelden.

SIP 4 vs SIP 5 — die zwei Prüfungsteile

Die Kenntnisprüfung ist in zwei getrennte Summative Integrierte Prüfungen (SIP) aufgeteilt, die unabhängig voneinander bestanden werden müssen. Beide Teile testen klinisches Entscheiden in MCQ-Format, Multiple-Choice mit einer oder mehreren korrekten Antworten.

SIP 4: die drei großen Fächer

SIP 4 prüft Innere Medizin, Chirurgische Fächer und Dermatologie mit Venerologie. Der Schwerpunkt liegt auf Diagnostik, Differenzialdiagnose und erstlinienhafter Therapie — nicht auf spezialisierter Subspecialty-Medizin. Typische Fragen: EKG- Interpretation, Sepsis-Management nach SSC-Guidelines, akutes Abdomen, Hauttumor-Kategorisierung.

SIP 5: sieben Fachgebiete

SIP 5 umfasst Augenheilkunde, HNO, Psychiatrie, Notfall- und Intensivmedizin, Frauenheilkunde/Gynäkologie, Kinder- und Jugendheilkunde sowie Neurologie. Das klingt nach viel und ist es auch — der Vorteil: jedes Fachgebiet prüft weniger in die Tiefe als SIP 4 und konzentriert sich auf klinisch hochrelevante Entscheidungen („Welches Antibiotikum bei Pyelonephritis?”, „Wann CT beim Schlaganfall?”).

Beide SIPs werden getrennt bewertet. Wer nur einen Teil besteht, muss den anderen wiederholen — aber nicht den bestandenen Teil. Die Bestehensgrenze liegt typischerweise bei 60 Prozent korrekter Antworten, wobei die Ärztekammer Wien die exakte Grenze pro Zyklus festlegt.

Prüfungsaufbau im Detail

Beide SIPs werden als schriftliche Prüfungen am PC in Prüfungszentren der MedUni Wien abgehalten. Du bekommst pro SIP einen Fragenblock mit ca. 100-150 Aufgaben und rund drei bis vier Stunden Zeit. Die Fragen mischen Single-Choice („genau eine richtig”) und Multiple-Choice („eine oder mehrere richtig”) — beim Multiple-Choice-Format gilt strikte Bewertung: nur wenn alle korrekten Antworten markiert und alle falschen weggelassen sind, gibt es den vollen Punkt.

Die Fragen sind überwiegend fallbasiert: ein kurzer Patientenkasus („62-jähriger Mann, seit drei Tagen...”), dann eine klinische Entscheidungsfrage. Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Faktenwissen allein reicht nicht, du musst in der richtigen Abfolge priorisieren können.

Typische Schwerpunkte pro Fach

Jedes Fach hat Themen, die in fast jedem Zyklus auftauchen. Die folgende Liste ist keine Garantie für die nächste Prüfung — die Ärztekammer Wien variiert gezielt — aber sie sind verlässliche Lernanker:

  • Innere Medizin: Sepsis nach SSC-Bundle, Herzinsuffizienz-Therapie nach ESC, Diabetes-Management nach ÖDG, COPD/Asthma-Stufentherapie nach GINA/GOLD, Leberzirrhose + Komplikationen.
  • Chirurgie: Akutes Abdomen mit Entscheidungsbaum, Trauma-Management nach ATLS, typische postoperative Komplikationen, Onko-Chirurgie-Indikationen.
  • Dermatologie: Melanom-ABCDE-Regel, psoriasis-Stufentherapie, Impetigo vs. Erysipel, STDs mit Meldepflicht.
  • Psychiatrie: Suizidalitätseinschätzung, Psychosen-Erstbehandlung, ICD-10-Klassifikation, rechtliche Regeln zur Unterbringung (UbG).
  • Notfall-/Intensivmedizin: ERC-2021- Reanimationsprotokoll, Schockformen, Vergiftungen, Polytrauma-Management.
  • Gynäkologie/Pädiatrie: U-Untersuchungen, Schwangerschaftsbetreuung, Präeklampsie/HELLP, akute Pneumonie beim Kind.
  • Neurologie: Schlaganfall-Akuttherapie, Kopfschmerzdifferenzialdiagnostik, Epilepsie-Management, Bewusstseinsstörungen.
  • Augenheilkunde/HNO: Glaukom-Anfall, akute Sinusitis-Komplikationen, Hörsturz-Therapie, Fremdkörper im Ohr — kurze, klinisch entscheidungsrelevante Fragen.

Ein realistischer Lernplan

Die richtige Vorbereitungsdauer hängt von deinem klinischen Vorwissen und deiner Deutschkompetenz ab. Das folgende Zwölf-Wochen-Gerüst passt für Ärzt:innen, die aktuell klinisch tätig sind und Deutsch auf B2-Niveau beherrschen:

Woche 1-4: Fundamente legen

Jeweils ein SIP-4-Hauptfach pro Woche (Innere, Chirurgie, Derma + SIP-5-Überblick). Ziel: alle großen Themengebiete mindestens einmal durchgearbeitet, erste MCQ-Fragensätze pro Thema, Herold oder Amboss als Referenz. Pro Tag: 90-120 Minuten Input + 30 Minuten Fragen.

Woche 5-8: Tiefe + Muster

Jetzt kommen die SIP-5-Fächer systematisch dran (Neuro, Psychiatrie, Gyn, Pädiatrie, Notfall/ITS, HNO, Augen). Parallel: erste vollständige SIP-4-Probeprüfungen unter Zeitbedingungen. Nach jeder Probeprüfung die falsch beantworteten Fragen auf eigene Liste — das ist dein späteres Wiederholungsmaterial. Spaced Repetition (SM-2 oder Anki) stabilisiert jetzt den Stoff.

Woche 9-10: Schwachstellen

Jetzt zählt das Weakness-Radar. Welche Themen liegen bei deinen Probeprüfungen unter 60 Prozent? Genau dort kommen 70 Prozent deiner verbleibenden Lernzeit hin. Die Versuchung, nochmal das ganze Buch durchzublättern, ist menschlich — aber statistisch ineffizient. Lieber ein Thema gezielt neu aufbauen als zehn Themen oberflächlich wiederholen.

Woche 11-12: Simulation

Mindestens zwei vollständige Simulationen pro SIP-Teil, unter realistischen Zeitbedingungen, ohne Unterbrechungen. Der größte Prüfungsfehler ist nicht Wissensmangel — es ist Zeitmanagement-Panik. Wer nie eine komplette Prüfung unter Zeitstress geübt hat, verliert in der echten Prüfung die Nerven.

Häufige Fehler — und wie du sie vermeidest

  • Zu früh Prüfungssimulationen. Wer in Woche 3 eine volle SIP-4-Simulation macht und mit 35 Prozent scheitert, verliert Motivation ohne Erkenntnisgewinn. Erst Fundamente, dann Simulation.
  • Englisches Amboss ohne deutschen Abgleich. Amboss ist ein großartiges Wissens-Kompendium, aber die deutsche medizinische Fachsprache hat eigene Konventionen („Magen-Darm-Trakt” statt „Gastrointestinaltrakt”). Prüfungs- fragen sind auf Deutsch — übe mit deutschem Material.
  • Guidelines ignorieren. Die Kenntnisprüfung prüft Guidelines (ERC, ESC, ÖDG, GINA/GOLD), nicht lehrbuch-Medizin von 2005. Wer mit alten Lehrbüchern ohne Guidelines lernt, bekommt systematisch falsche Dosen und Sequenzen in den Kopf.
  • Mehrfachantwort-Training ignorieren. Wer nur Single-Choice trainiert und in der Prüfung zum ersten Mal Multi-Choice mit strikter Bewertung sieht, verliert schnell 20-30 Prozent der Punkte — weil jeder nicht markierte korrekte Antwort-Kandidat die ganze Frage kostet.
  • Lernplan ohne Prüfungsdatum. Wer „irgendwann im nächsten Jahr“ als Ziel hat, lernt halbherzig. Melde dich für ein konkretes Datum an, bevor du richtig loslegst — das fokussiert den Lernplan.

Ressourcen

  • Ärztekammer Wien: offizielle Prüfungs- beschreibung, aktuelle Termine und Gebühren. Immer zuerst dort nachsehen — wir (und alle anderen Drittanbieter) können nur so aktuell sein wie die letzte offizielle Veröffentlichung.
  • MedUni Wien — Nostrifikationsstelle: Informationen zum Nostrifikationsverfahren, Dokumentenliste, Bearbeitungszeiten.
  • Herold „Innere Medizin“: das Standardlehrbuch für den Innere-Teil der Prüfung — kompakt, klinisch, deutschsprachig.
  • Amboss: deutschsprachige Plattform mit Fallvignetten und Wissens-Kompendium. Gut als Nachschlagewerk, weniger ideal für österreich-spezifische Fragen.
  • MedPrüf (wir): 7.566 kuratierte Fragen speziell für die Kenntnisprüfung Wien, mit Guideline- Referenzen und Schwächen-Radar. 150 Fragen sind kostenlos — kein Kreditkartenzwang, keine Verpflichtung.

Zum Schluss

Die Kenntnisprüfung ist anstrengend, aber sie ist machbar. Wer strukturiert vorgeht, Guidelines respektiert und genug Zeit für Multi-Choice-Training einplant, besteht sie. Was sie unangenehm macht, ist nicht der medizinische Inhalt — den kennst du — sondern das österreich-spezifische Vokabular, die strikte Mehrfachantwort-Bewertung und der Zeitdruck. Alles drei lässt sich üben.

Wenn dich dieses Handbuch nicht enttäuscht hat, dann wahrscheinlich weil du selbst schon gemerkt hast, wie viel Halbwissen im Umlauf ist. Wir schreiben hier nur, was wir selbst bewiesen oder mehrfach bestätigt haben. Für konkrete Fragen zur Nostrifikation und Prüfung: die Ärztekammer Wien ist die einzige verbindliche Quelle — und unsere Fragen- Datenbank (falls du sie brauchst) ist medpruf.com/kenntnispruefung-wien.

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